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Gerd Brüggemann
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Was nach der Verlagerung von Produktionsstätten an andere Standorte zurückbleibt, sind einerseits die Arbeitskräfte, die große Mühe haben, sich diesen Entwicklungen anzupassen, und andererseits die Gebäude, in denen bisher gearbeitet wurde und die jetzt leerstehen. |
Diese Erscheinung gab es bis vor ein paar Jahren vorwiegend in den großen, produzierenden Branchen. Mittlerweile hat der Veränderungsprozeß aber auch den Handel bis hin zum Einzelhandel in den Städten erfaßt.
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Neue Formen des Handels, Veränderungen durch firmenrechtliche Neustrukturierungen, Fusionen, Kettenbildungen oder Filialisierungen führen auch im Handel zunehmend zu leerstehenden Gewerbeimmobilien in den Städten. |
Alle diese Vorgänge finden auf dem Hintergrund einer seit Jahren ständig weiter ausufernden Gesetzgebung (Baurecht, Nutzungsrecht, Gewerberecht, Öffnungszeiten, Denkmalschutz usw.) statt, die Anpassungsmaßnahmen immer schwieriger werden lassen.
Für die Eigentümer von Immobilien, die durch diese Vorgänge aus dem Wirtschaftsprozeß herausgefallen sind, bedeutet das, zeitnah über deren sinnvolle und nachhaltige Nutzung nachzudenken.
Die bisher übliche Einschaltung von Maklern oder eigene Aktivitäten führen zweifellos zufällig zum Erfolg; häufig werden aber nur die "Filet-Stückchen" vermietet. Sinnvoll ist es daher, sich grundsätzlich mit der Frage der neuen Nutzung zu beschäftigen, um den Wert der betreffenden Immobilien nachhaltig zu verbessern und zu erhalten.
Dies erfordert einen entsprechenden finanziellen Aufwand, der als Erhaltungsinvestition für das Wirtschaftsgut Immobilie anzusehen ist.
Eigentümer sollten sich möglichst schnell dazu entschließen, aktiv eine neue Nutzung für eine leerstehende Gewerbeimmobilie zu suchen. Wenn ein Objekt erst längere Zeit leersteht, leidet nicht nur die Bausubstanz, sondern es kommt auch zu einem Imageverlust des Standortes - vor allen Dingen, wenn durch ungezielte Maßnahmen ohne strategischen Ansatz der Standort "sauer" gemacht wird.
Eine Immobilie ist ein Wirtschaftsgut, das den Gesetzen des Marktes und der Wirtschaftlichkeit unterliegt. Alle Überlegungen, die bei einer Neunutzung angestellt werden, müssen daher diesen Gesetzen Rechnung tragen.
Man hat sich in den vergangenen Jahrzehnten oft von Faktoren beeinflussen lassen, die als Anreize einer bestimmten Wirtschaftspolitik gedacht waren, an der echten Wirtschaftlichkeit aber vorbeigingen. In diesem Fall standen oft steuerliche Aspekte im Vordergrund, während die Wirtschaftlichkeit des Objektes dahinter zurücktrat. Das kann eine Zeitlang gut gehen; wohin es aber letztlich führt, kann man heute in Ost- wie in Westdeutschland an den vielen leerstehenden Immobilien ablesen.
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Grundsätzlich sollten bei der Suche nach einer neuen Nutzung die realen wirtschaftlichen Verhältnisse, wie sie im Markt herrschen, nicht jedoch steuerliche oder subventionsbedingte Ansätze als Basis dienen. |
Wichtig ist es auch, kurzfristig erfolgreiche Vorbilder, die an anderer Stelle oft unter ganz anderen Verhältnissen Erfolg hatten, nicht zu imitieren.
Jede Immobilie hat ihren eigenen Charakter, ihre Standortqualität, ihr besonderes Umfeld und ist in ein Netzwerk von immateriellen Faktoren eingebunden, die betrachtet werden müssen.
Das Finden von neuen Nutzungen für eine Gewerbeimmobilie beginnt mit der Aufnahme und Bewertung aller Faktoren, die von Einfluß sein können.
Man muß sich bei der Bewertung und Einordnung der Faktoren bewußt sein, daß sie letztlich in ein Netzwerk von anderen Faktoren eingebunden sind, die aufeinander wirken und so das Projekt positiv oder negativ beeinflussen. Die Beziehung zwischen den Faktoren ist also wichtiger als die Faktoren selbst.
Man kann demnach nur Erfolg mit einem Projekt haben, wenn man es unter einem ganzheitlichen Ansatz sieht. Denn das Ganze ist etwas anderes als die Summe einzelner Teile.
Es nützt dementsprechend nichts, nur lineare Ansatzfaktoren herauszugreifen und diese zu optimieren, sondern es ist bei allen Überlegungen die Ganzheitlichkeit zu bedenken.
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Praktisch heißt das: Statt in einer linearen Ursache-/Wirkungslogik muß in Kreisläufen und Wirkungsnetzen gedacht und gehandelt werden. Unter diesem Aspekt ist eine Immobilie, die nach einer Nutzung sucht, Teil eines Netzwerkes, aus dem sie herausgefallen ist und in das sie nun wieder integriert werden soll. |
Die Wiedereingliederung in den Wirtschaftskreislauf ist ein Prozeß, der bewußt angeregt und gesteuert werden muß. Es geht darum herauszufinden, wo die Stärken des Objektes oder Standortes liegen, die für eine bestimmte Gruppe von Nutzern interessant und anziehend sein können.
Jede entwickelte Idee sollte zunächst nur grob skizziert und mit Partnern einer dafür besonders geeigneten Zielgruppe diskutiert werden. Aus diesem Prozeß (Feedback) kommt entweder eine Zustimmung oder der Hinweis auf eine Abänderung oder Verbesserung der Leistung. Wird die Idee abgelehnt, braucht man den Weg nicht weiterzuverfolgen. "Unternehmerisches Handeln" bedeutet, nicht jede Idee spontan umzusetzen, sondern durch kluges Handeln im Feedback die richtige Lösung zu finden.
Das Voranbringen dieses Prozesses ist eine unternehmerische Leistung, die zu einer Profilierung des Objektes führt. Das Profil ist später in einem Entwicklungskonzept niederzulegen, um die schriftlich festgelegte Darstellung des Angebotes für die Umsetzung zur Verfügung zu haben.
Diese Vorgänge sollten möglichst stattfinden, ohne daß am Objekt selbst Investitionen vorgenommen werden, damit die Kosten und das Risiko möglichst klein gehalten werden.
Eine Immobilie hat neben den sachlichen ("harten") Faktoren auch immaterielle Faktoren, die z. B. bei bisherigen Nutzern, im Umfeld oder der Geschichte des Standortes liegen können. Sie sollten bei der Erstellung des Profils unbedingt mitbedacht werden, weil sich daraus oft eine Vision entwickeln läßt, die die Basis für die Anziehungskraft abgibt.
Der in der Abbildung dargestellte Prozeßablauf zur Reaktivierung von Gewerbeimmobilien vollzieht sich nach der EKS in sieben Phasen (vgl. dazu den Beitrag von Bernd Brogsitter: "Die Zukunft sichern"), die im folgenden kurz in Bezug auf Immobilien erläutert werden.
Um ein nachhaltiges Konzept zur Reaktivierung entwickeln zu können, ist es notwendig, die Ist-Situation zu beschreiben. Mit den Standort-, Umfeld-,Gebäude- und Geländeanalysen werden umfassende Basisdaten erarbeitet:
Die untersuchten Segmente erlauben die Darstellung eines Objektprofils, das Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken berücksichtigen und bewerten sollte. Dabei ist genau zu prüfen, was als Stärke und was als Schwäche zu bewerten ist.
So hatten z. B. die Gebäude der ehemaligen Michelwerke, der spätere AGH Augsburger Gewerbehof, viele Stützsäulen, und die Decken konnten nur gering belastet werden. Sind das Stärken oder Schwächen?
Durch die vielen Stützsäulen war eine kleinräumige Aufteilung möglich. Nachfrager nach stützfreien, großen Räumen waren somit keine Zielgruppe mehr. Die kleinräumige Aufteilung ist jedoch für kleine und mittlere Unternehmen eine Stärke, die das Objekt anziehend macht.
Das erarbeitete spezifische Objektprofil ist der Schlüssel, zu dem nun das Schloß gefunden werden muß.
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Auf der Basis des speziellen Objektprofils und durch einen systematischen Suchprozeß ergeben sich neue Nutzungsmöglichkeiten für die betreffende Immobilie. |
Durch eine Bewertung, bei welcher Nutzungsart die meisten Profilsegmente des Objekts erschlossen werden, ergibt sich eine Darstellung der erfolgversprechenden Nutzung, des "Schlosses".
Wenn das Objektprofil und die Nutzung deutlich sichtbar gemacht worden sind, ist eine systematische Suche der entsprechenden Zielgruppen, also der potentiellen Mieter, möglich; gleichzeitig fallen Zielgruppen, die nicht ins Profil passen, durch das Suchraster. Somit wird Zeit und Energie gespart. (Im Falle des AGH kamen Unternehmen, die große, stützfreie Flächen benötigen, nicht mehr als Zielgruppe in Frage.)
Die erkannten und ausgewählten potentiellen Mieter werden angesprochen. Man erfährt nun ihre Wünsche, aber auch, welche ihrer Bedürfnisse zwingend befriedigt werden müssen. Für die verschiedenen Zielgruppen werden Anforderungsprofile erstellt und gewichtet.
Die Forderungen der Zielgruppen werden nun mit den Gegebenheiten des Standortes, des Umfeldes, der Gebäude und den Nutzungsmöglichkeiten rückgekoppelt. Dieses Feedback gibt die Sicherheit, wirklich alle Fragen gestellt zu haben, z. B. Altlasten oder zukünftige Veränderungen der Verkehrsinfrastruktur berücksichtigt zu haben.
Da nun die Bedingungen bekannt sind, können die Vision und die Strategie entwickelt werden. Die Vision soll den Nutzen des Objektes für eine ausgewählte Zielgruppe darstellen. Sie soll:
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Die ausformulierte Vision ist der Fixstern, der für alle am Projekt Beteiligten gilt. Während der Zeit der Umsetzung des Projektes muß die Vision ständig kommuniziert werden, und zwar mit allen Menschen, die mit dem Projekt in Kontakt kommen, weil sich dabei oft neue Impulse ergeben, die das Ganze stärken und immaterielle Energie zuführen. |
Das weitere Vorgehen erfolgt nach den vier EKS-Prinzipien von Wolfgang Mewes und den acht biokybernetischen Regeln von Frederic Vester.
Zu den EKS-Prinzipien gehört
Auf diese Weise wird eine Erfolgsspirale, ein Selbstorganisationsprozeß, in Gang gesetzt: Der deutlich herausgestellte und klar erkennbare Nutzen für die anvisierte Zielgruppe führt zu wachsender Anziehungskraft der Immobilie, die einen Nachfragesog erzeugt. So kann nach und nach, wie beim AGH, die Immobilie komplett vermietet werden. Die daraus erwachsenden Umsätze führen zu höheren Gewinnen und besserer Liquidität.
Durch den Einsatz der acht biokybernetischen Regeln wird sichergestellt, daß das Entwicklungskonzept ein vernetztes System beschreibt und nachhaltig sicher ist. Sowohl für die Entwicklung eines Nutzungskonzeptes als auch für die Umsetzung und das spätere Betreiben ist es wichtig, nach Grundsätzen zu handeln, die den heutigen komplexen Verhältnissen und den zukünftigen Veränderungsprozessen gerecht werden. Das Entwicklungskonzept muß so konzipiert werden, daß die Lebensfähigkeit des Objektes langfristig garantiert wird.
Sieht man das Objekt und das Umfeld als System, so bietet sich als Vorbild das einzige lebensfähige System an, dessen Teil wir sind: das biologische System.
Nach den gleichen Grundregeln, wie das biologische System funktioniert, verhalten sich offenbar auch wirtschaftliche und soziale Systeme, wie in den letzten Jahren immer mehr erkannt wird.
Frederic Vester hat einige der wichtigsten Regeln, an die man sich bei solchen Prozessen halten kann, zusammengefaßt und beschrieben. Es sind ebendiese acht biokybernetischen Regeln, die man als Entscheidungshilfe heranziehen und mit denen man die Vorgänge immer wieder überprüfen kann. Das führt dazu, daß laufend über alle für das System und sein Überleben wichtigen Faktoren nachgedacht wird und entsprechend gehandelt werden kann.
Beim Augsburger Gewerbehof und anderen Projekten (wie dem Vorarlberger Wirtschaftspark in Götzis und dem Augusta Park in Augsburg) wurde ständig nach diesen Regeln gearbeitet.
Die acht biokybernetischen Grundregeln nach Frederic Vester und ihre Anwendung auf die Gewerbeimmobilie AGH
| Biokybernetische Grundregel |
Erläuterung | Anwendung auf den AGH | |
| 1 | Negative Rückkopplung muß über positive Rückkopplung dominieren. | Positive Rückkopplung bringt die Dinge durch Selbstverstärkung zum Laufen. Negative Rückkopplung sorgt für Stabilität gegen Störungen und Grenzwertüberschreitungen. | Die Vermietung an eine Vielzahl von kleinen Betrieben garantiert die Stabilität des Gesamtprojektes. |
| 2 | Die Systemfunktion muß unabhängig vom quantitativen Wachstum sein. | Der Durchfluß an Energie und Materie ist langfristig konstant. Das verringert den Einfluß von Irreversibilitäten und das unkontrollierte Überschreiten von Grenzwerten. | Das Konzept ist so angelegt, daß Leistungen verändert und ausgetauscht werden können und das System dabei überlebt. |
| 3 | Das System muß funktionsorientiert und nicht produktorientiert arbeiten. | Eine entsprechende Austauschbarkeit erhöht Flexibilität und Anpassung. Das System überlebt auch bei veränderten Angeboten. | Das Konzept ist nicht auf Wachstum angelegt, sondern funktionsorientiert. |
| 4 | Nutzung vorhandener Kräfte nach dem Jiu-Jitsu-Prinzip statt Bekämpfung nach der Boxer-Methode. | Fremdenergie wird genutzt, während eigene Energie vorwiegend als Steuerenergie dient. Profitiert von vorliegenden Konstellationen, fördert die Selbstregulation. | Alle in und um das System AGH vorhandenen Energien werden so beeinflußt, daß sie mit wenig Aufwand viel Nutzen bringen. |
| 5 | Mehrfachnutzung von Produkten, Funktionen und
Organisations- strukturen. |
Reduziert den Durchsatz, erhöht den Vernetzungsgrad, verringert den Energie-, Material- und Informationsaufwand. | Gemeinschaftsangebote ermöglichen Leistungen zu niedrigen Preisen. |
| 6 | Recycling: Nutzung von Kreisprozessen zur Abfall- und Abwasserverwertung. | Ausgangs- und Endprodukte verschmelzen. Materielle Flüsse laufen gleichförmig. Irreversibilitäten und Abhängigkeiten werden gemildert. | Es sollen Betriebe als Mieter gewonnen werden, bei denen Abfallprodukte des einen beim anderen genutzt werden können. |
| 7 | Symbiose: Gegenseitige Nutzung von Verschiedenartigkeit durch Kopplung und Austausch. | Begünstigt kleine Abläufe und kurze Transportwege; verringert Durchsatz und externe Abhängigkeit; erhöht interne Abhängigkeit; verringert den Energieverbrauch. | Besonderes Augenmerk auf Firmen, die sich ergänzen, die Dienstleistungen an gemeinsame, spezielle Zielgruppen anbieten. |
| 8 | Biologisches Design von Produkten, Verfahren und Organisationsformen durch Feedback-Planung. | Berücksichtigt endogene und exogene Rhythmen. Nutzt Resonanz und harmonisiert die Systemdynamik. Ermöglicht organische Integration neuer Elemente nach den 8 Regeln. | Äußere Gestaltung sowie Betrieb und Leben im AGH sollen Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen dienen und Belange der Natur beachten. |
Am entwickelten Gesamtkonzept wird in einer Feedback-Phase überprüft, ob es den acht biokybernetischen Regeln genügt.
Vor seiner Umsetzung wird das Konzept beschrieben, und zwar als System und mit den Angeboten für die jeweiligen Zielgruppen sowie einer Darstellung der Vorteile für alle Beteiligten (z. B. Nutzer, Eigentümer, Anleger, Betreiber, Kommune etc.). Dazu gehört auch eine Darstellung der Wirtschaftlichkeit und der Umsetzung (was, wie, wer, wann) mit Aktions- und Terminplan.
Literatur
Vester, Frederic: Neuland des Denkens, Stuttgart 1980.
Vester, Frederic: Ausfahrt Zukunft, München 1990.
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